Zurück zur Nachrichten-Übersicht
02.12.2025 Das Unmögliche wagen! – Vortrag von Dr. Jochen Reidegeld
Dr. Jochen Reidegeld, ehemaliger stellvertretender Generalvikar in Münster und früherer Kreisdechant in Steinfurt, arbeitet am Institut für Theologie und Frieden in Hamburg (ithf), einer wissenschaftlichen Einrichtung der Katholischen Kirche unter Trägerschaft der Katholischen Militärseelsorge. Ziel des Instituts ist die ethische Auseinandersetzung mit Fragen des Friedens und seiner Gefährdungen. Reidegeld engagiert sich zudem humanitär in Syrien und im Irak, gründete die „Aktion Hoffnungsschimmer“ zur Unterstützung von Geflüchteten und ist Mitbegründer des Podcasts „Friedensreiter“. Außerdem gehört er dem Aufsichtsrat der Alexianer Münster an.
Am Dienstag, dem 02.12.2025, hielt er im Katholischen Bildungshaus KUBUS Rheine einen Vortrag für die Studierenden der Josef-Pieper-Schule Rheine – gleich dreimal, um möglichst vielen Interessierten vom benachbarten Berufskolleg die Teilnahme zu ermöglichen. Das Thema lautete: "Das Unmögliche wagen – Wie geht Versöhnung nach extremer Gewalt?"
Teil 1 des Vortrags erläuterte, wie die heute weit verbreitete Unsicherheit entstanden ist. Die Euphorie der 1990er-Jahre, eine bessere und friedlichere Welt aufzubauen, sei verflogen.
Stattdessen ziehe sich ein Teil der Gesellschaft ins Private zurück, während andere nach Schuldigen suchten, die für die als negativ empfundene Realität verantwortlich gemacht werden könnten. Anhand eines historischen Exkurses zeigte Reidegeld auf, wie die ehemals bipolare Weltordnung ins Wanken geriet und wie zahlreiche Stellvertreterkriege zu unzähligen Toten, Vertriebenen und traumatisierten führten. Staatliche und kulturelle Ordnungen brachen zusammen. Flüchtlingslager, anhaltende Konflikte und Genozide – etwa an den Eziden im Nordirak – verdeutlichten die dramatischen Entwicklungen. Reidegeld sprach in diesem Zusammenhang von "verlorenen Generationen", denen Versöhnungsprozesse besonders schwer fallen.
Teil 2 des Vortrags betonte, dass es Menschen brauche, die trotz scheinbarer Ausweglosigkeit an Versöhnung glauben und aktiv den Austausch zwischen Religionen, Kulturen und Staaten fördern. Als Beispiele nannte er unter anderem Pater Paolo Dall'Oglio in Nordsyrien, der ein Friedenszentrum aufgebaut hat, in dem Menschen verschiedener Religionen und Kulturen gemeinsam lernen. Ziel müsse es sein, Zusammenarbeit statt Trennung in den Vordergrund zu stellen – besonders zum Wohl von Kindern und Jugendlichen. Reidegeld verwies außerdem auf Initiativen wie die „Union der Religionen“ in Nordsyrien oder "Rabbis for Human Rights" in Israel/Palästina, deren Mitglieder etwa palästinensische Bauern vor der Zerstörung ihrer Olivenhaine durch extremistische Siedler schützen.
Auch die Initiative "Hoffnungsschimmer" im Nordirak, in der Reidegeld selbst engagiert ist, fördert Begegnungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Entscheidend sei es, die Wirkungskraft der Akteure zu erkennen: "Manchmal braucht es Menschen aus der Zivilgesellschaft, die schneller handeln als die Politik." Dennoch bleibe es Aufgabe der Politik, internationale Ordnung zu stärken und Staaten zu stabilisieren – einschließlich der Fähigkeit zur legitimen Verteidigung.
In der anschließenden Diskussion zeigten die Studierenden bereits bemerkenswert kreative Ideen: etwa Schulpartnerschaften zwischen einer russischen Schule und der JPS oder konkrete Kulturtreffen im kommenden Jahr. Die jungen Erwachsenen bewiesen damit ein ausgeprägtes Gespür für Wege der Versöhnung.
Ein wirklich inspirierender und anregender Vortrag!
Zurück zur Nachrichten-Übersicht